EINIGE √úBERLEGUNGEN ZUR REVOLTE DER GILETS JAUNES
"1789, 1968, 2018" steht auf den Farbstreifen einer Trikolore, die am 8. Dezember in Paris von einigen Gilets Jaunes hochgehalten wird. Eine Wunschvorstellung: 1789 wird es nicht noch einmal geben. Der Herbst 18 wird wie der Mai 68 enden. Plötzlich sackt, wie damals, alles in sich zusammen, diese Prognose sei gewagt. Die Reihung an sich trifft jedoch einen wichtigen Punkt.
Der Mai 68 war ein Aufstand gegen die erzwungene Disziplin des fordistischen Zeitalters, die jeden Winkel durchdrang, bis in den Alltag. Als er sich ereignete, war der Fordismus bereits im Wandel.
Der Herbst 18 ist ein Aufstand gegen das Zeitalter, das den Fordismus abl√∂ste, den post-industriellen Neoliberalismus. Er ist auch eine Best√§tigung f√ľr eine Analyse, die Henri Lefebvre 1968 vornahm: Die Gesellschaft bewege sich auf eine "kritische Zone" zu, in der es zu einer vollst√§ndigen Verst√§dterung kommen werde, schrieb er in "Le droit √† la ville".
In der kritischen Zone wandeln sich die Kerne der Stadt zu "Orten des Konsums und konsumierbaren Orten". Zugleich erfasst die Verst√§dterung das sogenannte Land. Seine "Ruralit√§t" verschwindet. Das Umland der Agglomerationen wird zu einem Zulieferer degradiert: Zulieferung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen einerseits, Zulieferung von Dienstleistungsarbeiter*innen andererseits. Diese Ver√§nderung hat, unterst√ľtzt durch das Dogma der Privatisierung von Infrastruktur und st√§dtischem Wohnraum, eine √∂konomische Segregation in der verst√§dterten Gesellschaft produziert.
Drinnen die Vernetzten und die Einflussreichen sowie Reste alter innerst√§dtischer Milieus, die noch nicht ganz verdr√§ngt worden sind. Weiter drau√üen im st√§dtischen Gewebe alle anderen, die sich drinnen nicht leisten k√∂nnen. Die aber in den Kern pendeln m√ľssen, um oft genug in Bullshit Jobs ihr Auskommen zu finden.
Folgerichtig war dies der Ausgangspunkt der Revolte ‚Äď der Kern drohte die Verbindung nach drau√üen durch h√∂here Spritpreise weiter zu erschweren, w√§hrend die √∂ffentlichen Transportinfrastrukturen der verst√§dterten Gesellschaft nicht mehr hinter ihrer r√§umlichen Ausbreitung hinterherkommen.
So betrachtet ist die Revolte der Gilets Jaunes durch und durch rational, weil sie sich gegen die Zumutungen der postfordistischen verst√§dterten Gesellschaft richtet. Es tut nichts zur Sache, ob so manche in den Gelben Westen einst geglaubt haben m√∂gen, im Gr√ľng√ľrtel von Suburbia & Beyond ein sch√∂neres Leben als in den Innenst√§dten gefunden zu haben. Nimmt man Lefebvres Analyse ernst, kann von einer Revolte der "Peripherie", gar des "l√§ndlichen Frankreich" keine Rede sein. Das "Land" ist eine Illusion. Es gibt im fr√ľhen 21. Jahrhundert nur noch die "Stadt" ‚Äď sprich: die verst√§dterte Gesellschaft ‚Äď und den Kapitalismus.
Die sich abzeichnende Niederlage im Herbst 18 wird jedoch schmerzhafter sein als die Niederlage im Mai 68.
Damals drang durch die eingeschlagenen Fenster immerhin ein frischer Luftzug gesellschaftlicher Liberalisierung. Die √∂konomische Liberalisierung s√§mtlicher M√§rkte mit ihren psychischen Verw√ľstungen folgte erst ein bis zwei Jahrzehnte sp√§ter.
Im Herbst 18 wird hingegen die Militarisierung der verst√§dterten Gesellschaft auf einen neuen, vorl√§ufigen H√∂hepunkt getrieben. Der G20-Gipfel in Hamburg, bis dato die Benchmark hinsichtlich der Suspendierung von Grundrechten und der staatlichen Gewalt in westlichen parlamentarischen "Demokratien", ist schon √ľberholt. Die Polizeiarmada und die unfassbare Brutalit√§t von BAC- und CRS-Einheiten setzt neue Ma√üst√§be, an die sich schon einmal alle gew√∂hnen sollen.
Oliver Fahrni schrieb noch vor Macrons Wahlsieg in den Bl√§ttern f√ľr deutsche und internationale Politik, Macron sei die bislang h√∂chste Stufe der "Vierten Rechten" ‚Äď einer Formation, die die Globalisierung nicht aufgibt, dem Neoliberalismus aber ein national-autorit√§res Update verpasst, um die Prekarisierten oder von Prekarisierung Bedrohten in Schach zu halten, ohne den historischen Faschismus eins zu eins zu wiederholen. Claus Leggewie und J√ľrgen Habermas, beide Mitherausgeber der Bl√§tter, hielten dagegen, Macron sei Repr√§sentant einer "Zweiten Linken". Eine grandiose Fehldiagnose, wie sp√§testens jetzt klar ist.
Einen gro√üen Unterschied zwischen Mai 68 und Herbst 18 gibt es indes. Wurde die Revolte damals teils von der j√ľngsten Generation eines intellektuellen Milieus, teils von klassenbewussten Arbeiter*innen getragen, geht jetzt eine diffuse Multitude auf die Stra√üen und zu den Blockaden, wie Antonio Negri in einem aktuellen Kommentar richtig feststellt. Diese Multitude verweigert sich der klassischen Einordnung in links, Mitte, rechts.
Negris Analyse klingt jedoch wie das Pfeifen im Walde: Diese Multitude verf√ľgt im Gro√üen und Ganzen √ľber keine Strategie-Erfahrungen und erst recht nicht √ľber einen Gesellschaftsentwurf als Alternative zum Kapitalismus, den die Protagonist*innen des Mai 68 noch hatten. Der Polizeigewalt einer sich formierenden Vierten Rechten ist die Multitude im Herbst 18 bis auf weiteres nicht gewachsen.
Ein franz√∂sischer Freund sagte mir vor der Pr√§sidentschaftswahl 2017, man habe mit Le Pen und Macron nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Beide sind t√∂dlich ‚Äď f√ľr die Demokratie, nicht f√ľr den Kapitalismus. Macron war eben keine Grippe.
Was folgt daraus? F√ľr den Augenblick nur die Best√§tigung einer √§lteren Erkenntnis: Man kann den Kapitalismus und die ihn tragenden politischen Systeme nicht frontal bek√§mpfen. Da ist keine Bastille mehr, die gest√ľrmt werden k√∂nnte.
Aber vielleicht irre ich mich auch an diesem 10. Dezember 2018, und die Geschichte macht in den kommenden Wochen doch noch eine unerwartete Volte. Wenn √ľberhaupt, kann diese Volte sich nur in Frankreich ereignen. Nirgendwo sonst.

Nils Boeing, FB, 9.12.18