Mehr Welt, mehr Wir: Renaissance der Commons-Frage
Wir sind heute herausgefordert, den Trend zur Weltschrumpfung umzukehren. Sprich, wir müssen Bedingungen für ein Mehr an Welt schaffen, das, im Sinne der Hegel‘schen „positiven Unendlichkeit“, ein Immer-Noch-Mehr an Welt ist. Mit anderen Worten: Wir müssen Bedingungen schaffen für ein unendliches Mehr jener Reichtümer der Welt, welche durch die Weiße Vorherrschaft und ihre weiße, männliche Rationalität (sowie ihre dunkle Kehrseite) gewaltsam ausgeblendet oder bekämpft worden sind. Insofern gilt es, die Anerkennung und Unterstützung jener anderen Formen des Zusammenlebens zu fördern, sowie jener anderen Affekt-Politiken, die tagein, tagaus im Schatten hegemonialer Diskurse auf der Mikro-Ebene des Kommunalen praktiziert werden. Darüber hinaus gilt es, Solidarität und Austausch mit kommunalen AkteurInnen zu fördern, die globale Dynamiken anerkennen und sie in jenen Netzwerken und Bewegungen verorten, die unsere Gesellschaften so spannungs- und konfliktreich zusammenhalten. Schließlich sind es diese AkteurInnen, die kommunale Strukturen nutzten und sie mit staatlichen und globalen Strukturen verbinden, um planetarische Herausforderungen anzugehen. Auf diese Weise kann das Zusammenspiel von kommunalen, staatlichen und globalen Lösungsansätzen gefördert und sichtbarer werden.

Eine wichtige Inspirationsquelle für dieses Anliegen ist Avery F. Gordons „The Hawthorn Archive“. Dieses beeindruckend kaleidoskopische und genresprengende Buch basiert auf Gordons in den 1990er Jahren begonnene Forschung über utopische Traditionen, die systematisch vom westlichen Kanon ausgeschlossen wurden. Organisiert in Form eines Archivs aktueller und fiktiver Erfahrungen alternativer Formen des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens, macht Gordons Buch eine Vielfalt von „unterjochtem Wissen“ (Foucault) sichtbar und aneignungsfähig. „The Hawthorn Archive“ präsentiert utopische Traditionen, die nicht von einem fernen Zukunftsort handeln, der nach den Idealen der Menschen gebaut werden müsste, sondern vom alternativen Zusammenleben und Zusammenarbeiten im Hier und Jetzt. Dabei bilden die Bewegungen, die im England des 17. Jahrhunderts für die Commons (und gegen Einhegungen) kämpften, einen zentralen Bezugspunkt für eine Vielzahl anderer Kämpfe, darunter Kämpfe für die Abschaffung des Sklavenhandels und der Sklaverei in Amerika oder für die Dekolonisierung im Globalen Süden. Es versteht sich von selbst, dass diese Kämpfe immer noch stattfinden. Die Erschließung ihrer Geschichte durch die Aufrufung von Dokumenten nicht als Zeugen, sondern als Stimmen, ermöglicht es, zeitgenössische Kämpfe in einen größeren Kontext zu stellen und zu verstehen, wie man sie in der Gegenwart überhaupt erst erkennt. Schließlich finden viele der zeitgenössischen Praktiken des alternativen Zusammenlebens und Zusammenarbeitens im kommunalen Alltag einfach statt, anstatt als explizit politische – um nicht zu sagen utopische – Projekte deklariert und registriert zu werden. Daher werden diese nicht deklarierten Handlungen tendenziell übersehen, wenn wir gemeinsam die Welt im Allgemeinen und die Globalisierung im Besonderen begreifen wollen. Der Reichtum an kommunaler Praxis und Imagination bleibt in den „utopischen Rändern“ verborgen, wie Gordon es ausdrückt.

Um den potenziellen Reichtum des Kommunalen im aktuellen politischen Klima zu erkunden, lohnt es, auf die 1990er Jahre zurückzublicken, also auf die offizielle Aufbruchphase des aktuellen Kapitels der Globalisierung. Vergleicht man unsere gegenwärtige Lage mit den damaligen Entwicklungen, so stellt sich die Frage, worin die Kontinuität, die Wiederholung und die Differenz besteht. Eines ist gewiss: Die inzwischen weitgehend vergessenen sozialen Bewegungen der Neunziger waren, wie wir heute auch, herausgefordert, sich an mehreren Fronten zugleich zu positionieren und dabei neue Allianzen einzugehen. So kamen sie beispielsweise nicht umhin sich gleich mehrfach antagonistisch aufzustellen – sowohl gegenüber der Globalisierungseuphorie (apropos ‘weltweiter Siegeszug des freien Marktes und der liberalen Demokratie’) als auch gegenüber der Globalisierungsphobie (siehe etwa der damals international erstarkende Rechtspopulismus oder rassistisch motivierte Anschläge auf Asylheime in Deutschland). Da soziale Bewegungen der Neunziger eine kritische Distanz zu den tendenziell ‘irrationalen’ Reaktionen auf die Globalisierung kultivierten, ermöglichte die kritische Distanz eine analytische Nüchternheit, die im aktuell ausgesprochen ‘irrational’ aufgeheizten Klima als Werkzeug ausgesprochen hilfreich sein dürfte. Insofern könnten die kritischen Bewegungen der Neunziger als verschüttete Werkzeugkästen betrachtet werden, die es in diesem historischen Moment auszugraben gilt. Wir könnten sie auf die Frage hin inspizieren, wie sie zukunftsweisende politische Praktiken ermöglicht haben, allen voran das Revival der Commons-Praxis, also die kommunale Selbstverwaltung von Ressourcen und Lebensgrundlagen, die im Zuge der entfesselten Globalisierung im zunehmenden Maße zerstört oder eingehegt, sprich: privatisiert werden.

Rund um die Commons-Frage entstanden Formen des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens, die lokal und global zugleich waren – kein Wunder, schließlich sprechen wir hier von Bewegungen der frühen Internet-Ära. So konnten kommunale Kooperationsformen grenzübergreifend praktiziert werden, ganz im Geiste der von der Aktivistin und Wissenschaftlerin Angela Davis so genannten “hyper-empathy” – einer Empathie, die Solidarität über die Grenzen und Beschränkungen des Nationalstaats hinaus ermöglicht.

Im Zuge dessen entstanden Allianzen zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden sowie zwischen dem Westen und dem Osten. Ersteres etwa im Falle von Bewegungen so unterschiedlich wie Zapatismus, Kein Mensch ist Illegal oder Afrofuturismus, letzteres etwa im Falle des Netzaktivismus oder Cyberfeminismus. Dabei konnte nicht zuletzt das Zusammenspiel von kommunalen, staatlichen und globalen Strukturen zukunftsweisend erprobt werden. Ein besonders schillerndes Beispiel dafür sind die Zapatisten. Um Lebensgrundlagen kommunal zu organisieren, beanspruchten die Zapatisten regionale Autonomie, appellierten an den Rechtsstaat und knüpften internationale Solidaritätsnetzwerke – all das im Schatten von und im Widerstand zu der räuberischen Expansion privatwirtschaftlicher und staatlicher Global Player.

Jenseits von nostalgischer Verklärung sollten wir diese an den utopischen Rändern verborgenen Ansätze sichtbar machen und dabei das unterjochte Wissen des Kommunalen freilegen, um es nach seiner Brauchbarkeit für die heutige Lage zu befragen: Wie haben die sozialen Bewegungen der 1990er das Kommunale und, allgemeiner gesprochen, das Wir modelliert? Welche Lektionen bieten sie für heutige (planetarische) Herausforderungen im Konnex von Kilmawandel, Migration und Digitalisierung? Was können wir von ihren Misserfolgen lernen?