Was ist Rassismus?

Hier die eine grundsätzliche Zusammenfassung.
An dieser Stelle sei auch mal dazu gesagt, dass sich meine Auffassung grundsätzlich von der von derzeit populären Autorinnen wie Natasha A. Kelly unterscheidet, die ja wirklich so tut, als habe vor ihr noch nie jemand gesagt, dass Rassismus ein strukturelles Problem sei. Aber was heißt denn "strukturell", wie funktioniert das? Ich versuche eigentlich immer solidarisch zu sein, aber ich empfehle mal beim Interview mit Kelly bei "Jung & Naiv" (Youtube, Folge 494) genau hinzuhören.
Da behauptet sie, Rassismus sei eine Ideologie, die der Sklaverei und dem Kolonialismus vorausgegangen sei (was historisch kaum haltbar ist). Darüber hinaus reserviert sie den Begriff Rassismus für Ausgrenzung aufgrund von "phänotypischen Merkmalen" - und sagt ganz klar, das sei etwas anderes als "Ausländerfeindlichkeit". In diesem Sinne möchte sie auch - das hat sie in der "taz" geschrieben - "Rasse" im Grundgesetz behalten und zur Grundlage der Antidiskriminierungsgesetzgebung machen.
Um es klar zu sagen: Da geht die Reise wieder zurück in die 1990er Jahre, wo die Rassismusmusforschung in Deutschland angefangen hat: Rassismus hat nur mit "Rasse" zu tun, und Personen mit Einwanderungsgeschichte sind betroffen von irgendwelchen anderen Formen von "Feindlichkeit" (ein "kulturelles Ding", wie es Kelly an anderer Stelle audrückt). Das ist extrem kompetetiv und wenig emanzipatorisch. Und bedeutet auch, dass alle "weißen" Personen per se nicht mehr von Rassismus betroffen sind - und damit auch ihre Erfahrungen nicht mehr als Rassismuserfahrungen artikulieren können. Das finde ich schlimm, muss ich sagen, denn früher wurden diese Erfahrungen immer von den Personen deutscher Herkunft bestritten oder als "überempfindlich" abqualifiziert - jetzt kommt es von "rassiskuskritischer" Seite.
Als ich mich Ende der 1990er Jahre auf ein Stipendium für meine Dissertation über Rassismus beworben habe, die ja erstmals auf Interviews mit Betroffenen basierte, kamen sechs Absagen hintereinander - und das bei 1,1 Diplom in Psychologie und zwei eigenen Buchpublikationen. Aus der Sitzung einer gewerkschaftsnahen Stiftung wurde mir kolportiert, dass dort ein Psychologieprofessor sass, der meinte: "Wenn ein Ausländer mit anderen Ausländern über Rassismus redet - was soll denn dabei rauskommen?" Those were the days. Rassismus hat mich buchstäblich Lebenschancen gekostet. Auch wenn meine Situation heute eine andere ist, macht das vielleicht nachvollziehbar, dass ich mit der neuesten, eben teilweise äußerst exklusiven Drehung der Rassismusdiskussion in Richtung Hautfarbe alles andere als glücklich bin.

https://www.demokratie-bw.de/was-ist-rassismus

Mark Terkessidis: Was ist Rassismus? (F…