Kürzlich blätterte ich mal wieder in seinem Buch "Der Bourgeois", in dem Franco Moretti die ganze Brüchigkeit dieser Hauptfigur Kapitalismus beschreibt, die sich bald hinter allem möglichen anderen zu verstecken trachtete, weil sie begriff, so der Autor, dass sie ihre Legitimität verloren hatte:
"Als die Belle époque - wie die Operette, in der sie sich so gerne selbst bespiegelte - an ihr unschönes Ende kam, schlug sich die Bourgeoise auf die Seiten der alten Eliten, um Europa in die Katastrophe eines Krieges zu stürzen; anschließend ließ sie ihre Klasseninteressen von Schwarz- und Braunhemden beschützen und ebnete damit noch schlimmeren Massakern den Weg. (…) (Danach) verbarg sie sich hinter einem politischen Mythos, der von ihr verlangte, sich als Klasse unkenntlich zu machen; ein Akt der Selbstverschleierung, der durch das unablässige Reden von der 'Mittelklasse' noch erleichtert wurde. Dann kam der letzte Schliff: Als der Kapitalismus einer großen Masse von Werktätigen im Westen zu relativem Wohlstand verholfen hatte, wurden Konsumgüter seine Legitimationsgrundlage: Der gesellschaftliche Konsens setzte sich auf Dinge, nicht auf Menschen – geschweige denn auf Grundsätze.“
Und nun, da täglich genau dieser Konsum in Frage steht und kaum jemand noch in der Lage ist, auch nur beim Frühstück daran zu denken, wie viel Elektrizität der Kafffeekocher benötigt, wie hoch der Co2 Ausstoß bei der Produktion eines Joghurtbechers ist und ob es noch erlaubt sei, um die Uhrzeit seine Blumen zu gießen? Während im Radio über so ganz archaische anmutende Themen die Rede ist, ob es wohl regnet und genug Brot zur Ernährung zur Verfügung steht, wo plötzlich Wasser und Weizen eine Rolle im Massenbewusstsein spielen, wie seit Jahrhunderten nicht mehr?
Eigentum besteht eh nur noch aus Müll, der Umwelt mehr oder weniger zerstört, stolze Besitzer eines Neuwagen fahren ein Ding, das sie nach ein paar Jahren wegwerfen können, während ein alter Mercedes zu Zeiten, als Konsum noch Legitimationsgrundlage war, so gebaut wurde, dass er ein Vierteljahrhundert halten sollte.
Umgeben von Zeugs, dessen Gebrauchswert fragwürdig ist und das im Moment des Kaufs schon die Hälfte seines Tauschwertes einbüßt, wird den Konsumenten nun eingetrichtert, ihr Konsum sei nicht mehr Grundlage gesellschaftlichen Fortschritts in eine Zukunft, in der immer mehr mehr haben werden, sondern Teil eines Zerstörungsprozesses, der in Kürze alle in den Untergang reißen wird.
Wert bedeutet damit heute, ob die Shampooflasche ohne Mikroplastik hergestellt und die Milch auch Bio sei und ob man aus dem energieeffizienten Eigenheim auch im Elektro-SUV in den Supermarkt fährt. Nur: Aus dem Zirkus, den diese neuen umwelt- und ernährungsbewussten Mittelklassen abziehen, lässt sich keine neue Herrschaftslegitimation mehr ableiten. Die Konsumgüter, die es vorher waren, stellen nämlich genau die, die Moretti identifizierte, täglich aufs neue nun in Frage. Heute ist das, was aus dem Bürger wurde, eine Existenz, die auf Massenproduktion angewiesen ist und sich zugleich nicht mehr über ihre massenhaft auf den Markt geworfenen Waren erfreuen oder definieren kann.
Sie alle wissen, mehr oder weniger bewusst, dass zwischen ihnen und jenen Völkern auf den Osterinseln, die so lange Bäume fällten, um ihre Megaskulpturen aus Stein zu erreichten, bis sie sich ihrer eigenen Lebensgrundlage beraubt hatten und ihre Kultur sich dann in barbarischen Kleinkriegen um die verbliebenen Ressourcen selbst zerstörte (Jared Diamond hat diesen Prozess in „Arm und Reich“ eindrücklich beschrieben), kein wirklich großer Unterschied besteht.

— Thomas Osten Sacken