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Die zwischenstaatliche Grenzziehung verfolgt das Ziel, die territoriale Integrität eines Staates gegenüber seiner Nachbarn zu sichern. Darüber hinaus dient sie der eindeutigen Definition des Geltungsbereichs einer von einem Staat geschaffenen Rechtsordnung.

Grenzziehungen können dabei zu kriegerischen Konflikten führen, insbesondere bei Annexionen (Eingliederung fremder Staats- und Hoheitsgebiete). Der Einsatz von Grenzkommissionen soll dem entgegenwirken. Sie bestimmen neutrale Zonen, die als „Friedenspuffer“ fungieren.

Eines der bekanntesten Beispiele physischer Grenzziehungen war die Trennung von Ost- und Westdeutschland durch den Bau der Berliner Mauer 1961. Nur 31 Jahre nach ihrem Fall müsste man denken, man hätte gelernt, Menschen nicht gewaltsam voneinander zu isolieren. Oder nicht?

Doch die Berliner Mauer war nicht die letzte Mauer, die zwei Orte und Menschen voneinander trennen sollte. Die Gründe hierfür sind verschieden; so können territoriale, wirtschaftliche, soziale oder andere Überlegungen, oder auch ein Verbund von allen, zur Errichtung von Mauern führen. Ein Blick auf die politische Lage der letzten Jahre zeigt insbesondere, wie beständig das Modell „Grenze“ als „Sicherheit“ verstanden wird. Als Beispiele mögen die 706 km lange israelische Sperranlage im Westjordanland dienen, die 2003 unter Ministerpräsident Ariel Sharon errichtet wurde, oder die Sperrzone zu Mexiko, die US-Präsident Donald Trump seit 2017 versucht, weiter zu verstärken.

Was für die einen ein Schutzschild vor einem vermeintlich oder tatsächlich bedrohlichen Außen (militärische Aspekte, Terroristen, Immigranten, fremde Wertsysteme usw.) ist , ist anderen willkürliche, feindliche Exklusion (außenpolitische Erwägungen, Arbeitsmarkt- und Bevölkerungsprobleme,
humanitäre Aspekte usw.). Es scheint daher klar: Gebaute Grenzen sind Werkzeuge der Politik.

Tatsächlich erscheinen physische Grenzen im Zeitalter der Globalisierung und Vernetzung der Welt nicht mehr mit den Realitäten im Einklang. Insbesondere internationale Handelsbeziehungen und die unumkehrbare enorme Mobilität von Millionen Menschen zwingen überall zu neuen Formen der Begegnung und des Zusammenlebens.

Allgemeine Problembeschreibung

Die politische Entwicklung der letzten Jahre zeigt, dass sich eine wachsende Zahl von Staaten und Gebieten von Nationalstaaten bzw. Staatsverbänden zu Gunsten vermeintlich eigener Souveränität abzusplittern sucht. In Europa ist diese Regionalisierung Äußerung verschiedener Motive: primär Ausdruck des Überdrusses einer globalisierten Welt, zum Teil Sehnsucht nach vergangener nationalstaatlicher (kolonialer) Größe und Streben nach identitärer Anerkennung. BREXIT (der Austritt Großbritanniens aus der EU) und die Unabhängigkeitsreferenda Schottlands und Kataloniens sowie Proteste der flämischen Bevölkerung Belgiens sind nur einige Beispiele gegenwärtiger separatistischer Bewegungen.

Diese Vorstellungen von Autonomie gilt es allerdings differenziert zu betrachten, denn nicht immer sind sie Ausdruck rationaler demokratischer Entschlüsse einer Bevölkerungsmehrheit. Vielmehr werden nationalistische oder quasi-nationalistische Empfindungen in politischer Absicht oft künstlich erzeugt oder verstärkt, obwohl sie ausschließlich Partialinteressen dienen.

Empfindungen wie Verdruss werden dabei zu eigenen Zwecken missbraucht. Deshalb ist in allen Fällen eine genaue Analyse der konkreten Umstände notwendig.

Das gilt auch für den seit Jahrzehnten bestehenden „Nordirlandkonflikt“, in dem sich aufgrund des Ausscheidens Großbritanniens aus der EU die Auseinandersetzungen verschoben haben: Die alte Demarkationslinie zwischen Protestanten und Katholiken scheint sich in jüngster Zeit immer mehr zu verwischen, denn heute verläuft die Grenze auch zwischen denen, die die Einheit mit Großbritannien wollen und jenen, die eine Wiedervereinigung mit der Republik Irland und der EU anstreben.

Diese plötzliche Konfrontation mit der Frage nach territorialer Angliederung führt zu einer überraschenden Einheit traditionell verfeindeter Konfessionsgruppen und zu folgender Frage: Wo verlaufen die Grenzen?

Morgane Alonzo
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