Endlichkeit

Süddeutsche Zeitung
Gesellschaft, 19.12.2020

Svenja Flaßpöhler über

Endlichkeit

Interview Tobias Haberl

Ein Gespräch über das Sterben? Führt man eher nicht über Zoom. Treffpunkt ist also Svenja Flaßpöhlers Küche, auf Abstand und gut durchgelüftet. Die Wintersonne flutet den Raum, auf dem Tisch: Bücher, Notizen, ein aufgeklapptes Notebook - sie schreibt jeden Morgen zwei Stunden, bevor sie ins Büro radelt.

SZ: Zuletzt waren die Corona-Todeszahlen in Deutschland so hoch wie noch nie. Haben Sie Angst, an diesem Virus zu sterben?

Svenja Flaßpöhler: Nein. Ich gehöre zu keiner Risikogruppe und bin auch kein sonderlich ängstlicher Mensch. Trotzdem habe ich mir Sorgen gemacht, vor allem anfangs, als man noch nicht wusste, was dieses Virus kann und was nicht. Im Frühjahr bin ich mit meinem Mann, den Kindern und dem Hund für sechs Wochen raus in unseren Schrebergarten gezogen. Wir haben den Rousseau-Move gemacht.

Wie war's?

Schön, weil wir den Ausnahmezustand als solchen markieren und auch ein bisschen feiern konnten. Wir haben Feuer im Garten gemacht, mit den Kindern gekocht und gebastelt.

Und die Sorge hat sich inzwischen gelegt?

Ja, sie hat sich, würde ich sagen, in einem gesunden Maß eingepegelt. Ich beachte selbstverständlich die Regeln, was aber auch heißt, dass ich mache, was ich machen darf. Wir sitzen für dieses Interview in meiner Küche zusammen, wenn auch mit Abstand. Sagen wir so: Ich bin kein Mensch, der das Vermeiden von Ansteckung zur obersten Maxime erklärt. Zumal ich nicht nur gegenüber Risikogruppen eine Pflicht habe, sondern mich auch dem Einzelhandel gegenüber solidarisch zeigen will. Auch bin ich ganz grundsätzlich davon überzeugt, dass ein Leben, das nur von der Gefahr her gedacht wird, also eine Art Vorsorgeexistenz, nicht lustvoll und - philosophisch gesehen - auch nicht besonders tragfähig ist.

Dann empfinden Sie die Beschränkungen, überhaupt die Angst vieler Menschen als übertrieben?

Nein. Ich bin keine Corona-Leugnerin, möchte die Risiken dieser Pandemie nicht kleinreden und ganz bestimmt nicht dieses Virus haben. Mal abgesehen davon, dass alte und vorbelastete Menschen Grund zur Sorge haben, würde ich eher so sagen: Man sieht an den unterschiedlichen Emotionslagen, mit denen Menschen dieser Krise begegnen, sehr genau, dass wir verschieden in diese Welt gestellt sind.

Sie haben mal gesagt: "Schon als Kind hatte ich ein interessiertes Verhältnis zum Tod."

Ja, ich kann mich gut erinnern, wie ich einmal abends im Bett lag, meine Hände eher unwillkürlich gefaltet auf dem Bauch, und wie ich dachte: Genauso wirst du später mal im Sarg liegen. Das war eine Art Angstlust. Ich war fasziniert von dem Gedanken und habe versucht mir vorzustellen, wie es sich anfühlt, nicht mehr da zu sein. Vielleicht hat mein interessiertes Verhältnis zum Nichts auch damit zu tun, dass Menschen in meiner Familie den Tod gewählt haben: Meine Urgroßmutter, die zwei ihrer Söhne im Krieg verloren hat, hat sich das Leben genommen, ebenso mein Cousin mit 18 Jahren.

So nah wie in den vergangenen Monaten ist die westliche Welt dem Tod seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gekommen. Auf einmal lauert er überall, in einer Umarmung oder in der Schlange beim Bäcker. Hat diese Erfahrung bei Ihnen zu neuen Erkenntnissen oder Prioritäten geführt?

Nein, dafür müsste ich mich viel unmittelbarer bedroht fühlen. Wenn ich Angst habe, dann ja eher um andere, ältere und kranke Menschen. Trotzdem ist die Frage interessant: Wie geht eine moderne Gesellschaft, die das Sterben aus ihrer Wahrnehmung verbannt hat, mit der plötzlichen Präsenz des Todes um? Denken Sie an die Bilder der Lkw-Konvois mit den vielen Särgen aus Italien. Wir standen regelrecht unter Schock. Und dieser Schock hat bei aller Rationalität der Maßnahmen sicher auch eine Rolle gespielt.

Was meinen Sie?

Solche Szenen gemahnen an schreckliche, vergangene Zeiten, an die Kriegszeit, was bei uns Deutschen natürlich noch einmal sehr spezielle Erinnerungen wachruft. Viele Länder bewundern uns dafür - oder haben uns zumindest bewundert - , wie verantwortungsbewusst wir mit der Krise umgehen, wie sehr wir das Leben und die Gesundheit unserer Mitmenschen achten, aber man darf nicht vergessen, dass die Deutschen es sind, die historisch gesehen die schlimmsten Gräueltaten vollbracht haben. Gerade weil wir durch diese Schuld gegangen sind, sind wir besonders sensibilisiert und tun alles, um nicht in die Lage zu kommen, zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben unterscheiden zu müssen.

Nun hat ein Klinikchef aus Sachsen zum ersten Mal von Triage gesprochen. Ist damit eine rote Linie überschritten und wenn ja: mit welchen Konsequenzen?

Die Triage wirft uns in moralische Dilemmata, in denen jede Entscheidung furchtbar ist. Es gibt kein richtiges Handeln. Insofern muss man natürlich alles tun, um gar nicht erst in eine solche Situation zukommen. Dass wir nicht genügend Krankenhauspersonal haben und offenbar auch nicht über ausreichend Ausstattung verfügen, ist ein Skandal, der vermeidbar gewesen wäre. Allerdings lassen sich unschwer Situationen vorstellen, in denen eine Triage nicht vermeidbar ist; etwa, wenn wir es mit einem noch viel gefährlicheren Virus zu tun hätten. Hier zeigt sich, dass die Ethik kein Brettspiel ist, das gewonnen wird, wenn man nur klug genug vorgeht. Die Triage bringt die antike Tragik zurück.

Karl Lauterbach sagt, Corona-Tote seien vermeidbare Einzelschicksale. Es gilt die Maxime: Jeder Tote ist einer zu viel. Bei allem Verständnis für den Versuch, Leben zu retten - haben wir verlernt, dass der Tod zum Leben gehört?

Na ja, denn wenn uns tatsächlich so viel daran läge, jedes Leben zu bewahren, müsste man sofort ein Tempolimit auf Autobahnen einführen. Offenbar gibt es Bereiche der Gesellschaft, in denen wir ziemlich kaltherzig damit rechnen, dass Menschen umkommen.

Josef Stalin soll gesagt haben: "Der Tod eines Mannes ist eine Tragödie, aber der Tod von Millionen nur eine Statistik." Dazu passt, dass jedes Jahr knapp eine halbe Million Menschen an Malaria sterben, was wir entweder nicht wissen oder schnell wieder verdrängen.

Weil der Tod in der Ferne nicht uns, sondern die anderen betrifft, Menschen in Afrika, die wir nicht kennen. Je größer die Gefahr für uns ist, desto größer ist unsere Betroffenheit. Denken Sie an die Terrorgefahr. Statistisch gesehen ist es extrem unwahrscheinlich, in Deutschland bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen, trotzdem ist die Angst gewaltig. Das hat mit der Unverfügbarkeit solcher Ereignisse zu tun. Für einen modernen aufgeklärten Menschen ist es nur schwer auszuhalten, dass da etwas ist, das man nicht kontrollieren, das einen einfach so ereilen kann. Lacan hat den Tod als das "Reale" bezeichnet, das die Gitter des Symbolischen und Imaginären durchbricht. Und jetzt hoffen alle auf einen Impfstoff, das ist die Ziellinie, auf die wir hinsteuern, und das finde ich problematisch.

Inwiefern?

Am meisten stört mich das Narrativ: Wenn der Impfstoff da ist, haben wir es geschafft, dann lassen wir es krachen, und alles kann weitergehen wie zuvor.

Sie haben Angst, dass wir nichts aus dieser Pandemie lernen?

Es wird ja nicht die letzte Pandemie gewesen sein. Das Konzept der Resilienz halte ich für mindestens so wichtig wie das der Immunität. Wir müssen als Gesellschaft resilient werden, damit wir zukünftige Krisen überstehen. Um vom Klimawandel ganz zu schweigen.

In der NZZ stand der Satz: "Wir tun im Moment alles, damit alte Menschen nicht an Corona sterben, aber wie einsam, verzweifelt und ungeborgen manche sonst sterben, interessiert uns nicht."

Wir sind sehr auf das nackte Leben in seiner biologischen Form fixiert, auf das Überleben. Aber es gibt auch das gute Leben, das gute Sterben. Mich würde ehrlich gesagt sehr interessieren, was eigentlich die alten Menschen in den Heimen selbst denken: Geht es um ein möglichst langes Leben? Oder um ein erfülltes? Dass man Risiken kennt, heißt ja eben nicht unbedingt, dass man sie auch vermeiden muss. Man kann sie auch ganz bewusst bejahen.

Das klingt gut, aber an Covid-19 zu sterben, also zu ersticken, ist vermutlich das Gegenteil von gutem Sterben. Wer möchte bewusst einen qualvollen Tod bejahen?

Mir geht es schlicht darum, alten Menschen gegenüber nicht paternalistisch zu sein. Als ich im Spätsommer in einem Altenstift gelesen habe und der Saal nur für sehr wenige freigegeben war, haben sich viele Bewohner über die Vorsorgepolitik der Leitung aufgeregt: Man würde sie wie Kinder behandeln und in Watte packen. Und nehmen wir mal an, eine alte Frau sagt: Ich gehe das Risiko ein, meine Enkel an Weihnachten zu sehen, weil ich sie so sehr vermisse und gar nicht weiß, wie lange ich überhaupt noch lebe, auch ohne Covid. Mit welchem Argument wollte man ihr denn diesen Wunsch verwehren?

Der Philosoph Peter Strasser hat schon vor dieser Pandemie geschrieben: "Wir haben aus der Lust am Leben die Gier gemacht, nicht mehr sterben zu müssen."

Ich will schon auch lange leben, wer will das nicht? Trotzdem glaube ich, dass wir nicht darum herumkommen, uns Gefahren und Risiken auszusetzen. Schon Epikur hat gesagt: Es kommt nicht darauf an, möglichst lange zu leben, sondern wie man lebt. Und wir tun alles, um mögliche Risiken von uns fernzuhalten und vergessen dabei, dass ein Leben in Angst, in dem man nur noch damit beschäftigt ist, Gesundheitsvorsorge zu betreiben, nicht mehr lebenswert ist.

In letzter Konsequenz ist es der Versuch, den Tod nicht wahrhaben zu müssen.

Ich würde eher so sagen: Der Tod wird nicht als das erkannt, was er faktisch ist, ein ständiger Begleiter. Er ist immer möglich. Und mit jedem Tag, den ich lebe, komme ich ihm näher. Er wohnt, genau genommen, schon jetzt in mir. Ich glaube daher, wir sollten uns etwas mehr mit ihm befreunden. Ihn zu fürchten, ist problematisch, weil sich Menschen, die permanent mit einer Schon- und Schutzhaltung durchs Leben gehen, um eine entscheidende Dimension der menschlichen Existenz bringen. Es ist verständlich, dass man den Tod rauszögern möchte und mit medizinischen Mitteln versucht, kranken Menschen zu helfen. Trotzdem gibt es diesen Punkt, wo die Logik kippt, an dem die Todesfurcht echte Lebendigkeit verhindert, dann wird aus der Lebendigkeit ein antizipiertes Tot-Sein.

Leider ist dieser Kipppunkt schwer zu definieren.

Möglicherweise erleben wir gerade, wie es sich anfühlt, wenn wir ihn überschreiten: Hauptsache, man wird nicht krank! Nun ist Corona eine Ausnahmesituation, aber die Gefahr ist natürlich, dass wir durch sie auch nachhaltig verändert werden. Und vielleicht ist es deshalb so schwierig, eine eindeutige Haltung zur Corona-Politik zu haben, weil man auf der einen Seite alle schützen möchte und genau dadurch immer in Gefahr ist, der Angst, dass etwas passieren könnte, so viel Raum zu geben, dass man von ihr bestimmt wird.

Während der ersten Corona-Welle erntete Boris Palmer von den Grünen einen Shitstorm für die Aussage: "Wir retten möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären." Wissen Sie noch, was Sie damals gedacht haben?

Der Satz war sehr unbedacht formuliert. Im Kern ging es doch um die Frage, ob man nicht versuchen könnte, sich stärker auf Risikogruppen zu konzentrieren, statt eine ganze Gesellschaft in Mithaftung zu nehmen. Das ist nach wie vor etwas, worüber man nachdenken muss, denn die Toten sind das eine, das andere sind die verbauten Lebenschancen, die gescheiterten Existenzen, die Depressionen. Und wir müssen uns ja fragen, wie wir bei einer nächsten Pandemie handeln: wieder Einzelhandel zu, Kinos zu, Theater zu, den Jungen, die ihr Leben vor sich haben, die Welt versperren? Oder schaffen wir es, kluge, humane Konzepte zu entwickeln, die es ermöglichen, Risikogruppen zu schützen, ohne sie zu isolieren?

Ob das funktionieren kann, darüber wird ja schon lange gestritten. Haben Sie eine Idee?

Boris Palmer versucht gerade in Tübingen genau das: etwa durch engmaschige Tests in Alten- und Pflegeheimen und Zeitkorridore in Supermärkten, die für Risikogruppen reserviert sind. Das ging lange sehr gut, nun gab es leider doch Corona-Fälle in Pflegeeinrichtungen. Aber das spricht ja nicht gegen den Ansatz als solchen. Man muss ihn eben noch verbessern.

"Wie viele Tote sind uns ein Shopping-Erlebnis wert?", fragt Berlins Regierender Bürgermeister. Was sagen Sie dazu?

Ich finde das absolut unangemessen. Es geht doch hier nicht um Shopping-Erlebnisse, sondern um Freiheitsrechte, die eingeschränkt werden. Bei aller Berechtigung der derzeitigen Maßnahmen: Ich lasse mich nicht behandeln wie ein ungezogenes Kind. Solche bekloppten Sätze sind Wasser auf die Mühlen all derer, die das Vertrauen in die politische Elite längst verloren haben und mit wehenden Fahnen bei den "Querdenkern" mitrennen.

Möglich, dass uns diese Krise als Memento Mori noch von Nutzen sein wird?

Es wäre zynisch zu sagen: Hey, es tut echt gut, endlich mal am eigenen Leib zu erfahren, dass man von einem auf den anderen Tag sterben kann. Wer so denkt, müsste auch einen Tsunami oder Terroranschlag begrüßen. Auf der anderen Seite macht uns die Erfahrung, dass wir die vollständige Verfügung über unser Leben nicht erreichen können, sicher etwas demütiger.

Die vollständige Verfügung über das Leben wäre wohl auch nicht erstrebenswert, oder?

Ja, denn wenn alles berechenbar ist, wenn einem nichts mehr widerfährt und man vollständig selbstbestimmt leben kann, wäre das erstens extrem anstrengend, weil man immer alles selbst entscheiden müsste, und zweitens: unmenschlich. Ich kann mir ein menschliches Leben ohne pathische Dimension nicht vorstellen, in letzter Konsequenz wäre es eine maschinenhafte Existenz. Einer Maschine widerfährt nichts, wenn sie gut programmiert ist. Sie ist unzerstörbar, aber genau deswegen auch nicht lebendig.

Etliche Software-Experten, zum Beispiel die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin, wollen den Tod - mit Hilfe von Technologie - gleich ganz abschaffen.

Klingt auf einen ersten Blick toll, aber man muss sich nur mal versuchen vorzustellen, wie das wäre: ein unendliches Leben. Wie soll man dann beispielsweise noch Entscheidungen treffen? In der Unendlichkeit ist ja alles vollkommen wurscht. Wenn das Jahr scheiße wird, was soll's. Es gibt ja noch unzählige andere. Und gleichzeitig ist es die Hölle. Denn was, wenn jedes Jahr so trist wird wie das zuvor? Und das bis in alle Ewigkeit!

Warum tun wir uns eigentlich heute so schwer, den Tod zu akzeptieren?

Gläubige Menschen haben die Aussicht auf ein Leben im Jenseits, das ist natürlich ein Trost, auf den viele Menschen nicht mehr zurückgreifen können. Wenn diese Hoffnung wegfällt, muss der Sinn in diesem Leben gefunden werden, das erzeugt Druck. Ich bin dennoch davon überzeugt, dass ein Gefühl für die Tatsache, dass man irgendwann nicht mehr da sein wird, eine andere Verbindung zum Leben ermöglicht, und zwar durchaus in einem guten, sinnlichen Sinn. Ich habe mal Sterbehelferinnen und Sterbehelfer gefragt, warum sie diesen Job machen. Die Antwort war fast immer die gleiche: weil es mich anders, bedachter leben lässt.

Woody Allen wurde mal gefragt, ob es sein Traum wäre, in den Herzen der Menschen weiterzuleben. Seine Antwort: "Ich würde gerne in meiner Wohnung weiterleben." Sind Sie heute eher neugierig auf den Tod oder haben Sie Angst vor ihm?

Ich glaube nicht an ein Leben danach, trotzdem entdecke ich manchmal ein religiöses Moment in mir, weil es mir nicht egal ist, wie ich gehe. Ich möchte gut loslassen können. Der Gedanke an den eigenen Tod hilft mir manchmal, schwierige Entscheidungen zu treffen, dann frage ich mich: Wie wirst du irgendwann einmal, wenn es zu Ende geht, auf dein Leben zurückblicken? Ich stelle mir den guten Tod so vor: Ich bin auf einer Party, unterhalte mich angeregt, tanze, trinke, man vergisst die Zeit, zählt die Biere nicht mehr, und irgendwann, wenn die Sonne aufgeht, werde ich sehr, sehr müde und sage: Leute, es reicht, macht mal ohne mich weiter, ich geh jetzt nach Hause. Und wenn die Party richtig gut war und alle Glieder wirklich bleischwer sind, das Gefühl kennen Sie doch, dann ist es sehr erleichternd, einfach einzuschlafen.

Zur Person:

Svenja Flaßpöhler, geboren 1975 in Münster, ist Philosophin, Autorin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins. Sie hat Philosophie, Germanistik und Sport studiert, ihre Promotion über das Thema "Der Wille zur Lust. Pornographie und das moderne Subjekt" geschrieben und zahlreiche Bücher veröffentlicht, unter anderem über selbstbestimmtes Sterben, Schuld, Eifersucht und Weiblichkeit. Zuletzt hat sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Autor Florian Werner, das Buch "Zur Welt kommen. Elternschaft als philosophisches Abenteuer" publiziert. 2018 wurde ihre These, die MeeToo-Kampagne sei zwar gut gemeint, verdamme die Frauen aber zu einer passiven Rolle, kontrovers diskutiert. Sie lebt mit ihrem Mann, zwei Kindern und einem Hund in Berlin.

Architektur: Der Petersplatz in Rom und die Münchner Asamkirche

Süddeutsche Zeitung
Feuilleton, 07.04.2021

Als habe Gottvater persönlich die Arme ausgebreitet

Von Gottfried Knapp

Noch nie ist über räumliche Verhältnisse, über Nähe und Ferne, über Enge und Weite so viel nachgedacht und geschrieben worden wie in den Monaten der pandemischen Verunsicherung. Corona zwingt uns, auf Abstand zu achten, ja den Raum, der uns von anderen Menschen trennt, als mögliche Gefahr zu betrachten. Quarantäne aber führt uns vor, wie dringend wir Bewegungsraum brauchen; macht uns zudem in beschämender Deutlichkeit bewusst, wie wenig wir die dreidimensionale Freiheit, die uns zuvor ganz selbstverständlich zur Verfügung stand, genossen haben.

Unsere physische Existenz ist vom umgebenden Raum mitbestimmt. Wir spüren unser Hiersein in der Welt, weil sich, wo immer wir sind, ein Raum um uns auftut, dessen Ränder auf uns einwirken, auch wenn wir diese Wirkung nur selten bewusst registrieren. Dieser Raum kann angenehm weit oder auch bedrückend eng sein, er kann uns inspirieren, begeistern, aber auch bedrücken oder quälen. Um anzudeuten, welch unterschiedliche Empfindungen uns der Raumsinn bescheren kann, seien hier zwei Extrembeispiele voran geschickt: Der Mensch, der sich auf einen Berggipfel hinaufgekämpft hat und dort die unermessliche Weite über und unter, vor und hinter sich verspürt, wird etwas entschieden anderes empfinden als der Mensch, der, wie Alec Guinness im Film "Die Brücke am Kwai", als Gefangener in einen grausam engen Holzverschlag hineingefaltet wird.

Raum ist eines der Elementarerlebnisse aller Lebewesen. Wir Menschen platzen bei der Geburt aus dem engen Beutel und der feuchten Wärme des Uterus hinaus in die Kälte des Kreißsaals oder des Geburtszimmers, in einen allseits offenen Raum, in dem Arme und Beine plötzlich keinen Widerstand mehr finden und frei durch die Luft zappeln. Diese ruckartige Entfesselung ist der Urschock, den wir nur mit einem Schrei beantworten können. Alle fünf Sinne werden dabei aufs brutalste gleichzeitig gereizt, ja ihre Alarmmeldungen vereinigen sich zu einer Erfahrungsform, die man als sechsten Sinn bezeichnen könnte, zur Wahrnehmung der Dreidimensionalität, zum Erlebnis des umgebenden Raums, in dem unsere Glieder sich bewegen und unsere Sinneseindrücke sich spiegeln.

Weite erleben wir, wo unsere Sinne auf etwas Begrenzendes stoßen

Wir spüren unsere Umgebung, egal ob wir zuhause vor dem Fernseher sitzen, im Wald spazieren gehen, ein Konzert besuchen, eine fremde Stadt durchstreifen oder in einer vollbesetzten Fußballarena einem Spiel zusehen. Aber wir reagieren sehr verschieden auf diese extrem unterschiedlichen Erlebnisorte. Wir nehmen oft nur die Ereignisse wahr, die dort stattfinden, doch wie das oft sehr bewusst gestaltete Ambiente selber auf unser Sensorium wirkt, darüber machen wir uns erstaunlich wenig Gedanken. Und auch den Kunsthistorikern ist auffällig wenig zu den räumlichen Wirkungen berühmter Bauten und Ensembles eingefallen.

Aus diesem Grund wird eine lockere Folge von Artikeln Raumschöpfungen in Erinnerung bringen, die ihren Besuchern prägnante Erlebnisse bieten. In diesem ersten Versuch soll es um Enge und Weite gehen. Weite erleben wir nur dort, wo unsere Sinne in messbarer Entfernung auf etwas Begrenzendes stoßen. Eine flache Landschaft, die nach allen Seiten ohne Hindernis ausläuft, ist allenfalls offen, aber nicht weit. Sie vermittelt nicht das Gefühl einer körperlich fassbaren Dimension, eines räumlichen Gegenübers. Auf einem von Bauten umgebenen Platz sind Nähe oder Ferne intensiv zu spüren.

Um eine Vorstellung von gestalteter Weite zu bekommen, empfiehlt sich ein Blick auf den Petersplatz in Rom - und zwar am besten von oben. Als der Bildhauer und Baumeister Gianlorenzo Bernini im Jahr 1656 den Auftrag bekam, vor dem Petersdom einen Platz zu gestalten, schlug er vor, auf dem unregelmäßig ausgefransten, von den Bauten des Vatikans begrenzten Gelände zwei ganz unterschiedliche Platzformen hintereinander folgen zu lassen. Einer der Gründe für diese Entscheidung dürfte die von seinem Vorgänger Carlo Maderna kurz vorher fertiggestellte Fassade des Petersdoms gewesen sein. Sie schiebt sich wie ein Stauwehr vor die mächtig nach vorn gewachsenen Massen des Kirchenbaus und verwehrt den heranziehenden Pilgern den direkten Blick auf den Zielpunkt ihres Marsches, auf die gewaltige Kuppel.

Um die abweisende Wirkung dieser etwas hilflos in die Breite gedehnten und seltsam flachen Fassade zu mildern, hat er den vor ihr liegenden Platzteil, die Piazza Retta, zur Stadt hin verschmälert: Sie bekam die Grundrissform eines Trapezes. Die von den beiden Enden der Kirchenfassade ausgehenden Gebäudeflügel laufen also ganz leicht aufeinander zu. Durch diese subtile Verengung suggeriert Bernini den auf den Petersdom zustrebenden Besuchern, dass die wie ein Querriegel sich aufbauende Fassade von den Seiten her zusammengezogen wird; jedenfalls wirkt sie durch den perspektivischen Trick schmaler als sie in Wirklichkeit ist.

Vom Dach grüßen Heilige - aber die Gänge darunter bleiben verblüffend leer

Auf dem Platz vor den Kircheneingängen hat Bernini also geschickt mit dem Effekt der Verengung gespielt. Umso wirkungsvoller ist der Effekt der Weite, den er auf dem anschließenden Platzteil, der Piazza Obliqua, mit einem in die Breite sich dehnenden Queroval erzeugt. Hier hat er zwei halbkreisförmig gekurvte Säulenhallen so weit auseinandergezogen, dass sie um den schon früher aufgestellten ägyptischen Obelisken herum eine riesige Ellipse bilden, auf der sich an Feiertagen 30 000 Menschen recht bequem versammeln können.

Diese beiden Kolonnaden, die den Platz seitlich abrunden, sind die gewaltigsten Baukunstwerke, die von der Pflicht, einem praktischen Zweck oder gar einem religiösen Kult zu dienen, befreit sind. Von ihren Dächern grüßen zwar 98 Heiligenfiguren bedeutungsvoll auf die Besucher herab, aber in den Gängen darunter bleibt alles verblüffend leer: Auf beiden Seiten bilden jeweils vier parallel verlaufende Säulenreihen dreischiffige Hallen, die in fast zeremonieller Feierlichkeit den Platz umkreisen. In jede dieser Hallen könnte man mehrere Kapellen einbauen.

Für die Passanten, die über den Platz schreiten, schließt sich der umgebende Säulenwald zu einer geschlossenen Wand zusammen. Doch wenn Besucher sich auf einen der am Boden bezeichneten Mittelpunkte der beiden Halbkreise stellen und von dort aus nach außen blicken, können sie zwischen den Säulen hindurch in alle Richtungen schauen. Die Kolonnaden runden den Platz also wirkungsvoll ab und öffnen ihn gleichzeitig nach außen hin.

Auf keinem Stadtplatz lässt sich das Gefühl von Weite ähnlich intensiv erleben wie auf dem 240 Meter breiten Oval des Petersplatzes in Rom. Und auch das Gefühl des Geborgenseins dürfte kaum irgendwo stärker sein als zwischen den gewaltigen Raumschalen Berninis, die von oben so aussehen, als habe Gottvater persönlich sich vom Himmel herabgebeugt und vor dem Petersdom seine Hände ausgebreitet.

Maßstabwechsel. Dem Beispiel von gestalteter Weite soll ein Beispiel von bewältigter Enge folgen. Wir begeben uns in die sinnlichste Grotte, die je von einem frommen Mann erdacht und mit eigenen Händen geformt worden ist: in die Asamkirche in München. Als Egid Quirin Asam, der jüngere der beiden Asam-Brüder, im Jahr 1733 beim Bau seines Wohnhauses an der Sendlingerstraße das nur wenige Meter breite Nachbargrundstück dazu erwerben konnte, entschloss er sich, dort auf eigene Rechnung und nach eigenen Plänen eine dem Heiligen Johann Nepomuk geweihte Kirche zu errichten, auf deren Hauptaltar er von seiner Wohnung aus hinunterblicken konnte.

Eine Vorhalle, die vor plastischer Kraft fast platzt

Da der extrem schmale und hohe Raumschlauch, den er gekauft hatte, aber nur von seinen beiden Enden, von der Straße und vom Hof her, Licht bekam, musste er, der als Bildhauer und Stuckateur schon viele von anderen Künstlern geschaffene Räume glanzvoll ausgestaltet hatte, als Architekt hier etwas Neues erproben. Zehn Jahre zuvor hatte er in der Augustiner-Chorherrenstiftskirche im niederbayerischen Rohr die Himmelfahrt Marias noch als ein skulpturales Illusionsspektakel von raumsprengenden Ausmaßen inszenieren können. Dort hatte er im Chor die Seitenwände so weit öffnen dürfen, dass das hereinströmende Tageslicht die strahlend weiße Skulptur der aus dem Marmorsarkophag aufgetauchten Maria wie ein Sturmwind erfassen und in den Himmel hinauf wirbeln konnte.

Hier in seiner Hauskirche verkürzte Asam den zur Verfügung stehenden Raumschlauch dadurch, dass er die beiden Enden als eigene Raumeinheiten ausformte. Die Kirche beginnt mit einer im Grundriss querovalen Vorhalle, die vor plastischer Kraft fast platzt, und endet in einem ähnlich geformten Choroval, in dem die skulpturalen Ereignisse sich geradezu dramatisch ballen.

Die Deckplatten werden den Engeln zur Startbahn

Die unpraktische Höhe aber bewältigte Asam durch angedeutete Zwischengeschosse. Wie schon die riesigen Fensteröffnungen in der Fassade vermuten lassen, ist auch der Innenraum als dreigeschossige Einheit konzipiert. Man könnte sagen: Zwei nach oben offene Räume gleichen Grundrisses sitzen übereinander und werden erst ein Stück darüber, also quasi im dritten Stock durch eine Tonne überwölbt. Eine umlaufende Empore deutet an, wo das Obergeschoss beginnt. Sie zieht sich von der Orgelempore aus an den Seitenwänden entlang bis in die Tiefe des Chors hinein. Der plastische Schub, den diese Laufgänge entwickeln, wird auf dem Weg nach hinten so beschleunigt, dass er am Ende mit voller Wucht in die Chorapsis hineinprallt, wo das Altar-Spektakel auf zwei übereinanderliegenden Ebenen stattfindet.

Die Inszenierung gipfelt im Obergeschoss in vier zopfartig gedrehten Spiralsäulen, die höchst riskant auf der Balustrade stehen, aber auch nichts zu tragen haben. Ihre Deckplatten dienen lediglich als Startbahnen für die herumschwirrenden Engel, die goldene Blumengirlanden in die Höhe ziehen, auf Musikinstrumenten spielen und so der vom Himmel herabschwebenden Dreifaltigkeit einen festlichen Empfang bereiten. Egid Quirin Asam hat in seiner Hauskirche also exemplarisch vorgeführt, wie sich mit skulpturalen und koloristischen Mitteln auf engstem Raum eine mystisch-spirituelle Atmosphäre erzeugen lässt.

Am Beispiel des Petersplatzes in Rom und der Asam-Kirche in München kann man erleben, wie die horizontalen Erlebnisformen Weite und Enge, Ferne und Nähe, auf unsere Sinne wirken. Der Petersplatz öffnet sich mit einer spektakulären Geste in Richtung Stadt und Erdkreis, er zielt ins Weite, ja vor dem Massiv der dahinterliegenden Kirche wirkt er wie ein festlich geschmückter Landeplatz für himmlische Heerscharen. Die Hauskirche von Asam aber lenkt den Blick nach innen, sie macht Dichte zum Erlebnis, lädt ein zur intimen Andacht.

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